Steppenwächter

Ausstellungskonzept „Steppenwächter“

Zentrales Ergebnis der von der DFG unterstützten Feldforschungen in der Mongolei im Mai 2017 zu den Bedingungen und Möglichkeiten, das immaterielle Kulturerbe nachhaltig zu schützen und auf diese Weise zum gesellschaftlichen Zusammenhalt kulturpolitisch beizutragen, war die Entwicklung eines Ausstellungskonzeptes „Steppenwächter“ gemeinsam mit den naturwissenschaftlichen Kollegen Wesche und Ansorge vom Görlitzer Senckenberg-Museum und den Ulaanbaater Kollegen Samiya und Lalla.

Der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel stellte zur 25-Jahrfeier der deutsch-mongolischen Zusammenarbeit die Forderung auf, künftig „die ökonomische, die soziale und die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit im Dreiklang zu betrachten“. [In: 25 Jahre deutsch-mongolische Entwicklungszusammenarbeit. Deutsche Botschaft Ulan Bator 2017, S. 4.] Eine erstmalige Realisierung dieses Dreiklang-Ansatzes steht im Mittelpunkt der geplanten Ausstellung „Steppenwächter“.

„Steppenwächter“ zielt auf die Erneuerung eines der für die Zukunft der Menschheit wichtigsten Narrative überhaupt: ein ganzheitlich-ökologischea Natur- und Kulturverständnis, wie es als Respekt für die Natur im immateriellen Kulturerbe der Mongolei in so eindrucksvoller Weise seinen Weg in die heutige Zeit gefunden hat und von hier aus größtes Interesse gerade in Europa finden könnte.

Der deutsche Botschafter Stefan Duppel hatte den Wunsch des mongolischen Außenministers nach einer erneuten Ausstellung in Deutschland (nach dem großen Erfolg von „Dschingis Khan“ 2006 zur Achthundertjahrfeier der Staatsgründung) an uns herangetragen. Am 3. November konnten wir in Berlin dem mongolischen Botschafter und Sozialwissenschaftler Dr. Ganbat das „Steppenwächter“-Projekt vorstellen.

Kulturpolitische Zielstellung

Ziel ist eine kulturelle Fundierung der ökologischen Aspekte bei der politisch-sozial-ökonomischen Transformation der Mongolei durch Anerkennung und Aufwertung dieses Narrativs zunächst durch Staaten und Gesellschaften im Ausland als Voraussetzung für eine – erst daraufhin möglich erscheinende –Aufwertung innerhalb der Mongolei.

Narrative lassen sich niemals „von oben“ befehlen oder implementieren; dies kann nur der Zivilgesellschaft selbst gelingen. Publikumsausstellungen mit breitem Echo sind ein gangbarer Weg. Die Ausstellung „Steppenwächter“ könnte die Situation der Nomaden in der gegenwärtigen sozialen, ökonomischen, technischen und vor allem kulturellen Transformation der extremen Landflucht  thematisieren. In der „linken Flanke“ (der mongolische Staat von 1206 war als Heer aufgebaut) die Interaktion von Natur und Mensch aus Sicht der Naturwissenschaft , in der „rechten Flanke“ die Interaktion von Mensch und Natur aus Sicht der Kulturwissenschaft.

Aktueller Befund

Musealisierungstendenzen beim immateriellen Kulturerbe; geringe Einbettung des Narrativs in die handlungsleitende Vorstellungswelt der Funktionseliten. Diese bauen die Hauptstadt Ulan Bator um in eine ‚normale‘ spätkapitalistische ostasiatische Glasmetropole ohne sichtbare Anknüpfung an mongolische Propria; bei doppeltem politischem Raubbau an der Gesundheit der Hauptstadtbewohner und an der teilweise bereits zu 70 % überweideten Steppe in der mongolischen Landesfläche.

Soziopolitischer Hintergrund

Der Mongol Uls (Republik Mongolei) steht im besonderen Fokus der Bundesrepublik Deutschland und der weiteren EU-Mitgliedsstaaten sowie Südkoreas, Japans und der USA. (a) Aufgrund seiner Bodenschätze, (b) geostrategisch im Zusammenhang der chinesischen „One Belt, One Road“-Initiative (Neue Seidenstraße), (c) seiner Bedeutung für Weltklima und -ökologie auch im Zusammenhang der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen bzw. der Zukunftscharta Eine Welt der Bundesregierung.

Mit 30.000 mongolischen Deutschsprechern, darunter zahlreichen Absolventen und Promovierten in der damaligen DDR, liegen besonders günstige Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit vor. Die höchste Prokopfquote bei der dt. Förderung von Entwicklungszusammenarbeit (400 Mio. Euro 1991-2016) gilt den drei Schwerpunkten Rohstoffmanagement, Energieeffizienz und Biodiversität.

Die Mongolei ist überwiegend Teil des innerasiatischen endorheischen Bassins; nur ein Teil des Nordostens entwässert zum Baikalsee bzw. zum Amur. In der kultur- und naturräumlichen Gliederung der UNESCO gehört sie zu „Central Asia“; eine Übersetzung als „Innerasien“ erscheint sinnvoll (in Abgrenzung zur auch im heutigen Deutschland gängigen CIA-Terminologie von Zentralasien, die die sowjetische Nomenklatur um Kasachstan erweitert). Die von der UNESCO gewählte Einbeziehung auch von Südsibirien, Xinjiang, Tibet, Nordwestindien und Nordpakistan, Afghanistan und Nordostiran in den Terminus „Innerasien“ schließt an das Mongolenreich des 13. Jahrhunderts an und deutet auf die besondere, zumindest traditionelle Bedeutung der Nichtseßhaftigkeit für die Menschen dieses Raumes. Und damit auf das Spannungsfeld zu den sedentären Kulturen Chinas im Osten, Indiens im Süden und des Vorderen Orientes sowie Europas im Südwesten bzw. Westen.

Mit 1.566.000 km2 oder fast dem Fünffachen der Bundesrepublik ist die Mongolei eines der flächengrößten Länder der Welt (18th / 195); sie ist nach Kasachstan das größte Binnenland; mit einer Bevölkerung von 3.081.677 eines der einwohnerärmsten (134th / 195); und mit 1,97 Einwohner pro Quadratkilometer bzw. 1 E/km2 außerhalb der Hauptstadt eine der am wenigstens dicht besiedelten Weltregionen (238th / 246).

Schon aus dieser Aufzählung wird deutlich, wie stark Superlative den politischen Diskurs des Landes bestimmen. Die mit 30 m Höhe weltgrößte Reiterstatue der Welt (200 t Edelstahl auf einem 10 m hohen Sockel) 50 km östlich von Ulan Bator ist materieller Ausfluß dieser Rhetorik; sie steht in diametralem Gegensatz zum ganzheitlich-animistischen Grundverständnis nomadischer Kulturen mit ihrem Sicheinfügen in naturgegebene Verhältnisse.

Die mongolische Sprachgruppe ist zwischen Sibirien, Afghanistan und dem Nordkaukasus weitverstreut. In der Inneren oder Südlichen Mongolei innerhalb der Volksrepublik China leben etwa doppelt so viele Khalka-Sprecher wie in der Äußeren oder Nördlichen Mongolei. Hier bilden sie die Bevölkerungsmehrheit und sind die einzigen Vertreter der mongolischen Sprachgruppe mit einem souveränen, international anerkannten Staat (Loslösung von China nach dem Zerfall des Kaiserreiches 1911).

Staatsrechtlich waren sie Anfang der 30er Jahren zwar an die Sowjetunion affiliiert, aber eben doch hinreichend selbständig, um in den Holodomor-Jahren der Stalinschen Vernichtungspolitik auch an den Nomaden, etwa in Kasachstan, verschont zu bleiben.
Im übrigen gab es damals in der Mongolei noch praktisch keine Stadtbildungen, auf die die kommunistische Partei alternativ zum seinerzeitigen Staatsvolk hätte rekurrieren können (die Urbanisierungsquote betrug beim ersten Zensus 1918 rund 15 %, davon etwa die Hälfte chinesische und russische Kaufleute sowie buddhistische Mönche).Beides erklärt die hohe ungebrochene Kontinuität des mongolischen Nomadentums auch im Verlauf des 20. Jahrhunderts bei einem Bevölkerungswachstum von 647.500 Einwohnern (1918) auf 1 Million (1962), auf 2,218 Mio. am Ende des Sozialismus (1991) und auf 3,1 Mio. (2016). Dadurch wiederum konnten sowohl die damalige Volksrepublik (1924) als auch der jetzige Mongol Uls (1992) vom Nomadentum als Kernnarrativ ausgehen. Aller Industrialisierung und Urbanisierung (1989 bereits 57 %)zum Trotz gingen und gehen sie auch davon aus; soweit ersichtlich als einziger Staat der Welt.

Das nomadische Kernnarrativ macht verständlich, warum der Mongol Uls als einer der ersten Staaten die UNESCO-Konvention zum Intangible Heritage (2003) ratifizierte (29.06.2005 als 16. Land; Österreich am 09.04.2009 als 112. Land, derzeit 4 Einträge; Deutschland erst am 10.04.2013 als 153. Land von derzeit 174; 2 Einträge). Die Mongolei verzeichnet zwischenzeitlich nicht weniger als 13 Einträge. Bezogen auf die Bevölkerungszahl ist sie damit eines der diesbezüglich führenden Länder der Welt.

Der Besuch einer Schulgala zum zwanzigjährigen Bestehen der Zweiten Schule von Ulan Gom (im dortigen Minderheitentheater am 27. Mai 2017) zeigte das Entscheidende.
Wenn praktisch alle Kinder und alle Lehrer es sich nicht nehmen lassen, als Singende, als Tanzende, als Spielende aufzutreten; oft in mehreren Darbietungen und in unterschiedlichen Kunstformen; und wenn kein einziger Direktor oder Bürgermeister oder Minister sprechen darf, sondern es nur um die Kunst geht; und wenn die Gala wegen des hohen Zuspruchs gleich zweimal hintereinander gespielt werden muß, dann sind die Künste, und zwar deren aktive Selbstausübung, integraler Bestandteil des mongolischen Selbstverständnisses. Die Kombination des Khöömei-Obertongesanges mit Techno zeigte, daß Transformation hinein in eine – auch in artibus weltweit vernetzte – Welt durchaus gelingen kann.

Rural-urbaner Hintergrund:

Die drei Mongoleien

Einwohnerentwicklung Ulan Bator – weitere Städte – Land 1990–1996–2006–2016.
Daten des Mongolian Statistical Information Center. Eigene Darstellung IKS

Einwohnerentwicklung Ulan Bator 1926–2014.
Daten des Ulaanbaatar City Statistics Office. http://www.themongolist.com/blog/society/89-rethinking-ulaanbaatar-s-population.html

Das nomadische Kernnarrativ steht in diametralem Gegensatz zum Bedeutungswachstum der seit 1924 Ulaan (rot) Bataar (Held) genannten Hauptstadt. Zuvor war sie kaum mehr als eine Tempel-Jurte und Karawanserei (Tee und Pelze) praktisch ohne feste Gebäude. Das Hauptgebäude der Universität von 1942 war der erste öffentliche Steinbau. Seit 1989 (548.000 Einwohner) hat sie sich praktisch verdreifacht auf 1,41 Mio. (31.12.2016). Insbesondere im letzten Jahrfünft ist ein geradezu exponentielles Wachstum zu verzeichnen.

Leidtragende der Binnenmigration mit seiner Abschöpfung insbesondere der Jungen und unternehmerisch Aktiven ist nicht nur das Land selbst, sondern ebenso die Mittel- und Kleinstädte. Es ist die möglicherweise entscheidende Achillesferse der mongolischen Politik, daß es ihr nicht gelingt, hier in der „dritten Mongolei“ der kleineren und mittleren Städte und damit wiederum in der Fläche des Landes ein selbsttragendes Wirtschaftswachstum zu entfalten. Aufgrund ihrer Ost-West-Ausdehnung von 2.400 km liegt die Mongolei in gleich zwei Zeitzonen; an schlaglochfreie Asphaltverbindungen im Stile etwa des Irans ist aufgrund der Klimaverhältnisse nicht zu denken. Ein Drittel der Aimag-Zentren weist sogar negative Wachstumsraten auf. [Die Mongolei ist verwaltungstechnisch in 21 Aimag gegliedert. Im Durchschnitt hat jeder Aimag die Größe des Freistaates Bayern bei einer Bevölkerung von 70.000 Einwoh]

Die „Musik spielt“ im Städtedreieck Ulanbator – Erdenet (fast verdoppelt von 65.000 [2000] auf 91.000 Einwohner [2010].) – Darchan (mehr als verdoppelt von 68.000 [2000] auf 150.000 Einwohner [2010]) bzw. im Aimag Töw (100.000 Einwohner) rings um Ulan Bator.

Analysiert man die Wachstumsraten genauer und legt als Maßstab die allgemeine Bevölkerungsentwicklung der Mongolei 2000 bis 2010 an (letzte Spalte 9 der folgenden Abbildung), so wird ersichtlich, daß nur 10 der Aimag-Zentren an ihr partizipierten.
Die andere Hälfte (11) der Aimag-Zentren lag darunter; ebenso fast alle der kleineren Städte. Ein eigenständiges Kommunalrecht gibt es im Mongol Uls nicht. Wie zu sozialistischen Zeiten sind die Kommunen Teil der Staatsverwaltung; die Visitenkarte der Bürgermeister beginnt mit „Mongol Uls“. Dementsprechend gibt es auch keine zweite Regionalkammer des Parlamentes, das an einer Gleichstellung der Regionalentwicklung mit der Hauptstadtentwicklung arbeiten könnte.

Einwohnerentwicklung 1979–1989–2000–2010. Eigene Berechnungen IKS auf Basis der Daten des Mongolian Statistical Information Center unter https://mn.wikipedia.org/wiki/Монголын_хотууд

Eine entscheidende Rolle hat die verwaltungsrechtliche Terminologie: auf mongolisch bedeutet Stadt „Khod“. Der Sonderdistrikt Ulan Bator, der den Aimags quasi als Stadtkreis gleichgestellt ist (und nur dieser), heißt im Verwaltungsmongolischen „Khod“ (ähnlich der Gleichsetzung des antiken Roms mit „urbs“), so daß alle Urbanitätsgedanken von vorneherein auf die Hauptstadt gezogen werden und die Aimag-Zentren keinerlei Chance auf eigene Stadthaftigkeit haben.

Blick auf Ulaan Gom von Südwesten. Photo: M. Vogt 2017

In Ulaan Gom, dem Zentrum des Uvs Aimag im Nordwesten mit rund 30.000 Einwohnern, ist der Blick auf die rund 130 km entfernten Altai-Ausläufer hinter der russischen Grenze ungetrübt. Aufgrund der Lee-Lage der Mongolei hinter dem Altai ist der mongolische Himmel weitgehend wolkenfrei, In der Sommerzeit ziehen nur wenige Wolken westwärts und regnen ab; der lange Winter ist weitgehend niederschlagsfrei. Mit der stabilen Inversionslage (Ulan Gom hat im Januar eine Durchschnittstemperatur von -35° C) hängt es zusammen, daß die Winterweiden der Nomaden hier höher liegen als die Sommergründe.

In Urban Bator wiederum lebt möglicherweise ein Drittel der jetzigen Bevölkerung in Jurten und trägt mit dem ungefilterten Verbrennen von Holz und teilweise Plastik zur extremen Luftverschmutzung bei (Feinstaubbelastungen bis zu 5.000 ppm / m³ sollen registriert worden sein; auch aufgrund der höchsten Temperaturamplitude der Hauptstädte weltweit gilt Ulan Bator als fünfmal höher verschmutzt als Peking).

Mangels einer eigenständigen Baukultur (die Mongolen waren bis zur Gründung der Volksrepublik 1924 selbst in den Sakraljurten als mobile Gesellschaft angelegt) und mangels einer bürgerlich-repräsentativen Esskultur (Vieh zu halten bedeutet zu nicht terminierbaren Uhrzeiten Essen und Getränke einzunehmen) lehnte sich das moderne Ulan Bator ab 1942 an das sowjetische Repräsentativ-, Wohn- und Restaurantbauen an. Seit 1992 imitiert es die Glaskultur Ostasiens, die ebenso unvereinbar mit den spezifischen Klimabedingungen der kältesten Hauptstadt der Welt ist wie das Beheizungssystem, die Verkehrsorganisation oder die vergeblichen Versuche, in der kurzen Vegetationsperiode Stadtgrün zu pflanzen. Cotoneaster und ähnliche paläarktische Rosengewächse (Rosacaeae) wären eine Alternative zu den hingebungsvoll begossenen Anpflanzungen non-arktischer Bäume, sind aber kaum zu finden. Im öffentlichen Bereich jenseits privaten Veranwortlichkeitsverständnisses dominieren Sand und Asphalt.

Die oft fehlende Möglichkeit der Integration der Binnenmigranten in einen qualifizierten Arbeitsmarkt ist eine der Ursachen von Platz 4 der Mongolei bei der asiatischen Hungertiefe (nach Afghanistan, Bangladesh und Nordkorea). Der Bekämpfung des Smogs gewidmete Überlegungen, den Windstrom zu öffnen durch Abtragen eines ganzen Berges im Westnordwesten oder gar die Überdachung der Innenstadt sind angesichts der Wirtschaftslage illusionär.

Gleichzeitig verschieben sich die ökonomischen Gewichte immer weiter. Lagen noch 2000 Hauptstadt und Regionen etwa gleichauf, lagen sie 2015 bei zwei Drittel zu nur noch einem Drittel. Berücksichtigt man den geringen Beitrag der Jurten-Slums zum BIP, liegt der Erwirtschaftungsgrad beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der aktiven Bevölkerung und damit die politische Aufmerksamkeit etwa beim Vierfachen.

Ökologisch und sozial hat sich der Mongol Uls in eine schier auswegslose Schieflage zwischen „Khod“ (= Stadt = Hauptstadt) und Land hineinmanövriert.

BIP 2000 und 2015. Daten des Mongolian Statistical Information Center. Eigene Darstellung IKS

Steppe und Mensch

Bei der für den Laienblick zunächst eher einförmigen Wald-, Langgras-, Kurzgras- und Wüstensteppe handelt es sich um Böden mit hoher Austausch- und Wasserkapazität und entsprechend hoher Biomasseproduktion in meist 2 m Mächtigkeit. Sie wird nach  Ariditätsgraden gegliedert: Im Gegensatz zu Wüste < 50 mm Regen bzw. zu Halbwüste < 100 mm Regen verfügt die Steppe über ≥ 100 mm Regen während der Vegetationsperiode; 2–4 Monate humid bei einer Sonneneinstrahlung vergleichbar der in tropischen Trockengebieten. (Vgl. H.Schulz: Makrooekologie: Trockene Mittelbreiten. Landau 2009, S. 9).

Keineswegs die ganze Mongolei besteht aus pasture crop, also Weideland (in der Zeichnung gelb), vom Nadel- und Mischwald an der Grenze zum Baikalsee aus breiten sich die (von den Gewässerufern abgesehen) baumlose Weidesteppe, Steppe und Trockensteppe als Kreissegmente aus; ein erheblicher Anteil ist Wüste mit weniger als 15 % Bodenvegetation bzw. Hochgebirge.

Mischwald Ende Mai 2017 auf der Nordseite des Nationalpark Tsagaan Shuvuut Uul
nahe der russischen Grenze. Drei Kilometer talaufaufwärts betrug die Altschneedecke
über dem Fluß noch gut drei Meter. Photo: Algirmaa Luvsan 2017

Die Vegetationsperiode (hier ein Bild vom 28. Mai 2017 aus einem Nordtal im Halb-Luv an der russischen Grenze) ist mit einem etwa fünfwöchigen Frühling im April–Mai und einem ähnlich kurzen Herbst im September–Oktober auf wenige Sommermonate beschränkt; der Winter dauert rund sieben Monate. Die Frosttiefe erreicht rund 4 Meter oder das Dreifache gegenüber der ihrerseits bereits kontinentalen Oberlausitz.

Ökologie und Ökonomie des Steppenbodens sind ebenso komplex wie faszinierend. Die Schockfrostung der Steppengräser am Winteranfang erlaubt den Weidetieren eine ganzjährige Nahrungsfindung. Die nomadische Tierhaltung basiert auf (1) Pferd, dem Symboltier schlechthin, (2) Kamel, mit 300 kg Tragfähigkeit für den Jurtentransport traditionell unverzichtbar, (3) Yak und Rind, die sich auch kreuzen lassen, (4) Schaf, (5) Ziege, die zum Problemtier der mongolischen Steppe schlechthin geworden ist.

 

Vor vielleicht fünftausend Jahren zogen riesige Antilopenherden durch die Steppe und wurden von Schneeleopard, Altaibär, Wolf und anderen im Gleichgewicht gehalten. In den Jahrtausenden seither erfüllte der Nomade die Funktion des Stabilisators; nur noch in den streng geschützten Gebieten findet man vom Irbis erlegte Yaks.

Der erste Zensus 1918 umfaßte auch die Weidetiere (livestock), damals 9,8 Mio. Exemplare. Im Sozialismus wurde in mehreren Anläufen ein Genossenschaftssystem mit staatlicher Alimentierung der Nomaden als Staatsangestellte unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg des Einzelnen geschaffen. Es ließ (a) die Familienstrukturen intakt; es ermöglichte (b) die Alphabetisierung (Anfang des 20. Jahrhunderts ca. 96 % Analphabeten) durch ein Lehreraussendungssystem, dito die veterinärmedizinische Betreuung: und es zog (c) mit einer Deckelung bei 100 Tieren pro Familie strikte Grenzen des Gesamtbestandes. Dementsprechend blieb es bei der Gesamtzahl von 20 Mio. Exemplaren bis zum Ende des Sozialismus.

Die kardinale Entscheidung, die die Zukunft des mongolischen Biosystems innerhalb der nächsten Generation fast vollständig in Frage stellen wird, fiel im Zusammenhang der neuen Verfassung 1992. Auf der einen Seite wurde praktisch die gesamte Landesfläche als Staatsland ausgewiesen, was dem Staat Verhandlungen mit Foreign Direct Investors für die zahlreichen Bodenschätze erlaubte (auf der United Nations Conference on Environment and Development in Rio de Janeiro 1992 hatte die mongolische Regierung noch postuliert, das gesamte Land unter Naturschutz zu stellen, was ebenso unkonventionell und segensreich für Land und Mensch geworden wäre wie katastrophal für die Ausbeutung der Bodenschätze und damit für die zur Transformation benötigten volkswirtschaftlichen Mittel).

Auf der anderen Seite wurden die bislang staatseigenen Weidetiere den Genossenschaftsmitgliedern (auch denen ohne nomadischen Hintergrund) übergeben mit der Maßgabe, das Überleben ihrer Familien durch eine kommerzielle Bewirtschaftung der Tiere zu sichern. Die Doppelmaßgabe einer Privatisierung der Weideerlöse (bei weitgehender Streichung des Sozialstaates) ohne Durchgriffshaftung auf den Raubbau an den Weideflächen (beispielsweise durch progressive Steuern auf Tierzahlen und andere Formen staatlicher Kontrolle) führte in einem Vierteljahrhundert zu einer Verdreifachung der Weidetiere mit derzeit rund 60 Mio. Exemplaren, ungeachtet zahlreicher „dzud“-Ereignisse mit jeweils Millionen verendender Tiere (Weißer Dzud = Schneekatastrophe, Schwarzer Dzud = Dürrekatastrophe, Eis-Dzud = am Boden gefrierender Regen). In Marktwirtschaften ist es die Regel, daß zentrale Ressourcen der Allgemeinheit gehören, aber mit der Maßgabe nachhaltig-schonender Verwendung privat genutzt werden (z.B. Grundwasser, Luft). In der Mongolei erwies sich die nicht sozial strukturierte Marktwirtschaft für die Nomaden und ihre Steppe als unheilvoller ‚driver‘. Rechtsphilosophisch betrachtet, läßt sich die Steppe nur in Mobilität, also ohne Landbesitz, nachhaltig bewirtschaften, während die neue Staatsideologie auf dem Prinzip nichtgeteilten Eigentums aufbaut.

Erdenesan Eldevochir, Director of Macroeconomic Statistics, National Registration and Statistics Office http://www.fao.org/fileadmin/templates/ess/documents/apcas26/presentations/APCAS-16-6.3.5_-_Mongolia_-_Livestock_Statistics_in_Mongolia.pdf

Nicht wenigen Familien gelang es, in den letzten 25 Jahren die (wie erinnerlich: zuvor auf 100 pro Familie gedeckelte) Zahl der Tier zu verzehnfachen, teils mehr als zu verzwanzigfachen (im Bild eine Familie mit mehr als 2.000 Tieren).

Herde mit rund 2.000 Tieren im Uvs Aimag. Photo: Algirmaa Luvsan 2017

Innerhalb von 36 Monaten (2012 auf 2015) wuchsen die Herden um 37 % bzw. 12 % pro Jahr. Hierbei müssen die Familien die Milch bzw. das Fleisch von Pferd, Kamel und Yak bzw. Rind sowie Schaf auf den lokalen Märkten anbieten, was die bekannten Transportschwierigkeiten aufwirft. Anders bei den Ziegen; hier fahren die chinesischen Aufkäufer direkt zu den Jurten und zahlen für das Kaschmir in bar; die einzige Möglichkeit für die Nomaden, direkt an Bargeld zu gelangen. Für letztere gibt es innerhalb einer freien Marktwirtschaft keine andere ‚rationale‘ Option.

Mongolian Statistical Information Center http://www.1212.mn/statHtml/statHtml.do?orgId=976&tblId=DT_NSO_1001_021V1&conn_path=I2&language=en

Ob die besonders feinen Ziegenhufen den Steppenboden stärker als andere Weidetiere zu Feinsand treten und gleichzeitig die Pflanzen besonders intensiv abäsen, ist wissenschaftlich nicht hinreichend untersucht, jedoch medial stark propagiert. Ähnlich sieht es beim Bild der von Herden hinterlassenen Verwüstungen aus. Die kolportierte Zahl einer Überweidung von 70 % ist nicht verifiziert. Studien legen nahe, daß in einzelnen Aimags (Zentral-Aimag, nördlicher Mittelgobi-Aimag) solche Werte erreicht werden, in den weitaus größeren anderen Gebieten der Zustand der Weide eher durch die Niederschläge als durch das Vieh bestimmt wird.

Jedenfalls gelingt es dem Staat nicht, den Export des Rohkaschmirs zu unterbinden und für die lukrative Endfertigung landesinterne Kapazitäten in größerem Maßstab aufzubauen. Ebenfalls erzielt das Schlachtfleisch im Ausland nur halbe Marktpreise, da die veterinärmedizinische Schau nicht gesichert ist. Durch eine Meliorisierung des Veterinärwesens ließe sich der Ertrag aus der Steppe mithin selbst bei einer Verringerung des Viehs deutlich steigern. Die Zerwüstung großer Teile der Steppe ist im übrigen selbst kurzfristig ökonomisch nicht sinnvoll. Der Anteil von Agrikultur einschl. Ackerbau die wenigen Ackerflächen machen ca. 3 % der Landesfläche aus), Forst und Fischerei liegt nur noch bei 12 % des BIP.

Wahrscheinlich überweidete Steppe im nördlichen Zentralaimag mit verringerter Vegetationsdecke und veränderter Pflanzenartenzusammensetzung. Photo: Karsten Wesche

Faktisch hat ein überwiegender Teil der Nomaden den Pakt mit der Natur aufgekündigt; der Chefbiologe des Uvs Aimag schätzt auf nur noch wenige und meist ältere Personen unter den rund 5.000 Nomaden der Region, die noch einer nachhaltigen Bewirtschaftung verpflichtet seien. Auch hierzu wiederum gilt, daß eine belastbare Studie noch fehlt.

Bodenvegetation bei Normalbeweidung im Nationalpark Kharkhiraa Turgen Uul. Photo: M. Vogt 2017

Fazit

Die Privatisierung der Weideerlöse bei Sozialisierung der zumindest lokalen erheblichen Zerwüstungseffekte läßt das mongolische Zentralnarrativ des im Einklang mit der Natur lebenden Nomaden zur historischen Erinnerung werden.

Es spiegelt sich kaum mehr in der Lebensrealität der inzwischen überwiegend mit koreanischen Kleinbussen Jurten und Tiere transportierenden, in der technischen Moderne angekommenen Nomaden, deren Jurten oft mit Solarzellen und Satellitenfernsehen ausgestattetet sind. Manche Kinder spielen mit Smartphones; Jugendliche fahren auf ineffizienten chinesischen Motorrädern (800 Euro, Nutzungsdauer ein Jahr) den Tieren hinterher bzw. in die Siedlungen. Auf den Märkten der Aimagzentren finden sie kaum mehr als chinesische Billigprodukte jenseits aller Ästhethik bzw. Solidität; kaum anders als im 18. Jahrhundert, als China seine Kaufleuten zu einer Pauperisierungspolitik auf Wucherbasis animierte und gleichzeitig den Klöstern erlaubte, einen erheblichen Anteil der mongolischen Männer an sich zu binden und damit dem Sozialleben zu entziehen; einzelne Studien sprechen von 40 % der Männer. Tausende von Kilometern von politischer Aufmerksamkeit entfernt trotzen die mongolischen Nomaden den langen Wintern. Durch die kürzliche Neuordnung des Bildungssystems nach amerikanischem Vorbild mit einer Einschulung nun ab sechs Jahren ziehen die Mütter den Schulanfängern hinterher in die Städte. Dadurch zerbricht der Kern des Nomadismus, die Familie.

Jurtenumzug mit Kleinlastwagen. Im Hintergrund der Kharkhiraa Turgen Uul. Photo: Aligirmaa Luvsan.

Damit wiederum fehlt dem Immateriellen Kulturerbe die Rückbindung an die Lebensrealität. Die beeindruckende Inventarisierung der Einzelelemente durch das Nationale Zentrum für das Immaterielle Kulturerbe [https://ich.unesco.org/en/state/mongolia-MN] kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie nur eine fortschreitende Musealisierung des nomadischen Kanons begleitet.

Morin Khur in einer Nomadenhütte (Photo: Algirmaa L. 2017) und in der Mongolian University of Culture and Arts (Photo: Dorjdagva T. 2017).

Während die Pferdekopffiedel Morin Khuur noch in völliger Selbstverständlichkeit in der Jurte (bzw. hier der Sommerhütte) des Nomaden steht und dieser auf die Frage nach ihrer Relevanz mit dem nicht zu schlagenden Argument „Das ist doch das Schöne!“ antwortet, arbeitet die Musikuniversität in Ulan Bator an der Professionalisierung des Fiedelspiels. Mit ihr läßt sich dann bei touristischen Veranstaltungen der Lebensunterhalt bestreiten.

Entsprechend hat sich der Anteil von Arts, Entertainment and Recreation am BIP von 0,1 % (1990) auf 0,5 % (2016) verfünffacht. Ohne Berücksichtigung der unscharfen Definitionen des mongolischen Statistischen Landesamtes (was ist recreation?) zeigt der Vergleich mit Deutschland (0,84 % der Erwerbstätigen; 40 Mrd. Euro entsprechend 0,83 % des BIP nur für die Kunst- und Unterhaltungswirtschaft ohne sonstige Kreativwirtschaft [Vgl. Vogt, Matthias Theodor Was ist Kulturpolitik? Krakau 201, S. 15], daß die Mongolei dabei ist, diesbezüglich relativen Anschluß an die hochentwickelten Staaten zu finden, allerdings bei einem ungleich geringeren absoluten BIP pro Kopf.

Konsequenterweise wäre – im Sinne der Forderung von Staatssekretär Fuchtel, künftig „die ökonomische, die soziale und die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit im Dreiklang zu betrachten“ – zu überlegen, nicht immer mehr der Einzelbestandteile der mongolischen Nomadenkultur unter Schutz zu stellen, sondern den Nomaden selbst, in seiner für Ökonomie, Ökologie und den sozialen Zusammenhalt der Mongolei entscheidenden Funktion als Steppenwächter.